Notizen über den
PSYCHIATRISCHEN FASCHISMUS
von Don
Weitz
Toronto, Ontario
(Übers.: Heinz Kaiser)
Adresse des englischen Originaltexts:
http://www.antipsychiatry.org/weitz2.htm
Fast 150 Jahre lang hat sich die Psychiatrie als eine
medizinische Wissenschaft verkleidet, und als einen Zweig der Medizin.
Das ist sie nicht, und sie war nie eine Wissenschaft oder eine Form
der Heilbehandlung. Die moderne Psychiatrie basiert auf unbewiesenen
empirischen Annahmen, medizinischen Vorurteilen und
pseudo-wissenschaftlichen Meinungen. Es gibt keine wissenschaftlich
gesicherten, unabhängig nachgewiesenen Fakten in der Psychiatrie.
Tatsächlich hat die Psychiatrie keine Gesetze oder nachprüfbare Hypothesen
und keine zusammenhängende und in sich schlüssige Theorie. Es ist
kaum zu übersehen, daß es der Psychiatrie an einem wissenschaftlichen Beweis
oder einem Beleg fehlt, der ihre von den News-Medien nachgeplapperten
Behauptungen von der Existenz "geistiger Krankheiten" oder "Störungen"
stützen würde.
Nach siebzig Jahren psychiatrischer Praxis und
Forschung gibt es immer noch keinen diagnostischen Test für Schizophrenie
oder irgendeine der anderen dreihundert sogenannten geistigen Störungen, die
in der aktuellen Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental
Disorders (DSM), aufgelistet sind. Es handelt sich dabei im Grunde um
eine Liste von klassifizierten moralischen Urteilen über angeblich unnormale
Verhaltensweisen, die die American Psychiatric Association veröffentlicht
hat und für die sie Propaganda macht. Das DSM ist die offizielle
Bibel der organisierten Psychiatrie. Das DSM ist das Ebenbild des
mittelalterlichen Malleus Maleficarum, das spanische Inquisitoren
benutzten, um Hexen und Ketzer zu identifizieren, zur Zielscheibe zu machen,
zu stigmatisieren und zu verbrennen. Die Hexen und Ketzer und
Sündenböcke unserer Tage werden mit dem Etikett geisteskrank oder
schizophren versehen.
Die klinische Psychiatrie kümmert sich in
erster Linie um die Kontrolle des Verhaltens ihrer Insassen mit Hilfe von
Änderungsprogrammen, die hohe Risiken bergen, biologischen "Behandlungen",
körperliche und mechanische Fesselung, geschlossene Türen und Stationen, und
Absonderungs- / Isolier-Räume, haben immer einige faschistische Elemente
sichtbar werden lassen. Ich möchte drei davon besonders hervorheben:
Angst, Gewalt und Irreführung. Dies sind die üblichen
Prinzipien und Strategien, um Bürger und Bevölkerungsgruppen zu
kontrollieren, die in den Augen von Staatsführern und anderen Autoritäten,
einschließlich der Polizei und der sogenannten Fachleute für geistige
Gesundheit, als dissident, problematisch oder schwierig zu kontrollieren
beurteilt werden. Die Klinische Psychiatrie ist dem Gefängnissystem
sehr ähnlich. Im Gefängnis oder im System zur Verhaltenskorrektur
wurden Psychiater als Beratungspersonen eingesetzt, um gefährliche,
unethische Verhaltensänderungsprogramme zu entwerfen und um an den
Häftlingen hochriskante Medikamentenversuche durchzuführen. Sowohl
das psychiatrische System als auch das Gefängnissystem benutzen systematisch
Angst, Gewalt und Irreführung zum Zwecke der sozialen Kontrolle und zur
Bestrafung - nicht zu Zwecken der Behandlung oder Rehabilitation, was beides
ein Euphemismus (Schönfärberei) ist. Es ist offensichtlich, oder es
sollte es sein, daß eine erzwungene Behandlung in der Tat eine Strafe
ist. Sie ist häufig grausam und gängig und sollte deshalb in den U.S.
unter dem Eighth constitutional amendment verbannt werden. So gut wie
alle Behandlungen in psychiatrischen Einrichtungen werden erzwungen oder sie
werden ohne die erforderliche informierte Einwilligung durchgeführt.
Sie werden gegen den Willen des "Patienten" (des Gefangenen)
durchgeführt, oder mit einem Einverständnis, das dadurch erreicht wird, daß
dem "Patienten" mit negativen Konsequenzen gedroht wird, oder mit einem
Einverständnis, wo dem "Patienten" wichtige Informationen über ernste
Risiken und über Alternativen vorenthalten wurden. Informierte
Einwilligung in der Psychiatrie ist eine grausame Farce. Es gibt sie
nicht.
Angst/Terror - "Terror hat große Wirkung auf den Körper
durch das Medium des Geistes und sollte angewendet werden, um die
Verrücktheit zu heilen. Angst in Begleitung von Schmerzen und einem
Gefühl von Scham hat manchmal die Krankheit geheilt". Das wurde vor
fast 2 Jahrhunderten, im Jahr 1818 von Dr. Benjamin Rush geschrieben, dem
Vater der amerikanischen Psychiatrie, und dem ersten Präsidenten der APA,
dessen Gesicht immer noch auf dem offiziellen Siegel der Americam
Psychiatric Association erscheint. Dr. Rush befürwortete und
praktizierte Terror, indem er die Zwangsjacke erfand und anwendete, ebenso
wie den Beruhigungsstuhl und "Todesangst" bei zahlreichen Insassen von
Irrenanstalten des 19.Jahrhunderts. Schließlich hat Rush seinen Sohn
in einer Irrenanstalt eingeschlossen - was für ein Vater!
Angst ist
ein mächtiges Erziehungsmittel, um Anpassung und Gehorsam zu erzwingen, um
die Leute dazu zu bringen, daß sie sich Autoritäten unterwerfen. In
der Geschichte war das Auslösen und Manipulieren mit Angst oder verstecktem
Terror stets eine Schlüssel-Strategie und -Praxis aller faschistischen
Regime, in Italien unter Mussolini ebenso wie in Nazi-Deutschland unter
Hitler, der Sowjetunion unter Stalin - faktisch in jeder Diktatur.
Die Androhung von Strafe, Folter und die Drohung, man werde getötet, reicht
aus, um Angst, Schrecken und Panik in den meisten von uns auszulösen.
Wir tun, was man uns sagt, andernfalls.
Die in der Psychiatrie
angewandeten Formen von Angst und Terror sind spezieller, aber sie sind
weitverbreitet und effektiv. Die Institution Psychiatrie nimmt häufig
Zuflucht zu erpresserischen Mitteln, um den sehr "unkontrollierbaren" und
schwierigen Patienten, also den Patienten mit geringer "Compliance", unter
Kontrolle zu bekommen. Psychiater und andere Therapeuten drohen ihren
Patienten mit verlängerter Haftdauer, höheren Dosen der zwangsverabreichten
Neuroleptika oder "Antidepressiva", und/oder mit der gefürchteten Verlegung
in noch schlimmere Hochsicherheitsabteilungen, falls diese nicht tun, was
man von ihnen verlangt, wenn sie ihre "Medikamente" nicht nehmen, wenn sie
sich nicht an die Anstaltsregeln halten, oder wenn sie ihre Wärter in
anderer Weise ärgern. Allgemein angewendet auf Gemeinschaften
gefangener, unfreiwilliger Patienten lösen diese Drohungen bei vielen Angst
aus, und die Psychiater wissen das. Zum Beispiel haben mir und
einigen anderen Aktivisten-Kritikern vor einigen Jahren verschiedene
Patienten und Ex-Patienten des Queen Street Mental Health Centre, der
berüchtigten psychiatrischen Klinik oder Psycho-Haftanstalt von Toronto
erzählt, daß Psychiater ihnen gedroht hätten, sie nach Penetang zu verlegen,
an die Oakridge division of Penetanguishene Mental Health Centre, eine
Hochsicherheitseinrichtung zur Verhaltensänderung in Ontario, die für ihr
gnadenloses und brutales Milieu bekannt ist. Penetang wurde und wird
immer noch als Bestrafung angesehen, eines der barbarischsten
Psycho-Gefängnisse von Kanada. Es hätte bereits vor Jahren
geschlossen werden sollen, insbesondere nach einem vernichtenden Bericht von
Psychiater Steven Harper über viele dort herrschende Mißstände.
Auch
die Bedrohung von Patienten mit körperlicher Fesselung oder Einzelhaft ist
außerordentlich effektiv, um Angst oder Panik bei den Patienten auszulösen.
In so gut wie jeder psychiatrischen Station oder Abteilung gibt es
einen Ort, den man euphemistisch den "Ruheraum" nennt, einen kargen,
verbotenen, Zellen-ähnlichen Raum, mit einer Matratze oder Waschbecken,
gewöhnlich gibt es keine Toilette und keine Bettdecke. Während sie im
Ruheraum dahinsiechen, sind die Patienten oft noch zusätzlich gefesselt mit
Ledermanschetten, Zweipunkt- und Vierpunkt-Fesseln, stramm um ihre
Handgelenke und/oder Fußgelenke gespannt, so daß sie sich kaum bewegen
können, so liegen sie da mehrere Stunden lang. Die pure Androhung von
Freiheitsentzug, unfreiwilliger Inhaftierung oder daß man in einer
psychiatrischen Station oder Anstalt gegen seinen Willen eingeschlossen
wird, ohne ein Gerichtsverfahren oder eine öffentliche Anhörung, genügt, um
die meisten von uns Furcht und Schrecken einzujagen. In so gut wie
jeder Provinz und Gegend von Kanada sind dies die hauptsächlichen Kriterien
oder Gründe, um in einer psychiatrischen Anstalt eingeschlossen oder
inhaftiert zu werden: die Ansicht, jemand hätte eine geistige
Krankheit oder Störung, die Ansicht, daß man befürchten müsse, daß jemand
sich selbst oder eine andere Person schädigen könnte, die Ansicht, daß
jemand nicht in der Lage sei, für sich selbst zu sorgen. Beachten
Sie, daß es sich bei diesen Kriterien um subjektive moralische Urteile über
ein unangepasstes Verhalten handelt, nicht um medizinische oder
wissenschaftliche Fakten. Trotz der Tatsache, daß geistige Krankheit
oder geistige Störung, welche in meinen Augen eine Metapher sind für
unangepasstes Verhalten, das noch niemals offiziell als medizinische
Krankheit oder Leiden klassifiziert worden ist, haben nur Mediziner die
gesetzliche Erlaubnis, solche nicht-medizinischen und schicksalsbestimmenden
Urteile zu fällen.
In Ontario kann jeder Arzt ein
Einlieferungsformular ausstellen, das eine Person dazu zwingt, für die
ersten 72 Stunden zu Überwachungs- und Bewertungszwecken in einer
psychiatrischen Anstalt eingeschlossen zu werden. Zwei weitere Ärzte
können ein Formular ausstellen, das dazu berechtigt, die Person weitere 2-4
Wochen gefangenzuhalten. Während der letzten Jahre wurden von den
Tausenden von Menschen, die in den 9 psychiatrischen Kliniken behandelt
wurden, ca. 50% gegen ihren Willen zwangsbehandelt.
Die Androhung
oder die Tatsache, seine Freiheit zu verlieren und in einer psychiatrischen
Anstalt für Tage oder Monate eingeschlossen zu werden, ist furchterregend.
Der minimale oder völlig fehlende Rechtsbeistand, der gegenwärtig in
Ontario existiert, macht das Recht auf Berufung oder Protest zur Farce, und
das führt zu einer noch verzweifelteren Furcht und Verzweiflung der Leute.
Allein schon die Drohung einer erzwungenen psychiatrischen
Behandlung kann, ebenso wie die Behandlung selber, entsetzlich sein - z.B.
Elektroschock, auch als Elektrokonvulsions-Therapie (EKT) bezeichnet, von
Schock-Überlebenden und -Kritikern wie Leonard Frank treffender
Elektrokonvulsions-Gehirnwäsche genannt. Mein guter Freund Mel hat
mir erzählt, wie er mit diversen Hilfsmitteln durch den Gang zum Schockraum
der Klinik geschleift wurde. Ich kann mir seine Panik vorstellen und
die Panik der anderen, denen das selbe Schicksal zuteil wurde. Ein
ähnlich schreckliches Erlebnis hatte ich, als ich zwangsweise über 50
Subkoma Insulinschocks in den 1959ern erhielt. Zum großen Erstaunen
vieler Leute existieren diese barbarischen gehirnschädigenden und die
Erinnerung zerstörenden Behandlungsformen nicht nur, sondern sie werden
heute in Kanada und den U.S.A. vermehrt angewendet. Hauptsächlich
werden sie bei Frauen und bei älteren Leuten angewandt, insbesondere bei
älteren Frauen.
Dann gibt es da noch die Drohung mit Psychopharmaka,
die man euphemistisch "Medikamente" nennt. Diese Chemikalien wie
Tranquilizer, Antidepressiva und die Antipsychotika wie Haldol, Modicate,
Thorazin, und der sogenannte Mood Modifier Lithium sind keine natürlichen
Substanzen, sondern sie sind künstlich hergestellte Gifte. Der Psychiater
und Psychiatrie-Kritiker Peter Breggin nennt sie in verschiedenen seiner
Bücher Neurotoxine (Nervengifte), ebenso Joseph Glenmullen, ein klinischer
Ausbilder in Psychiatrie an der Harvard Medical School in seinem Buch
Prozac Backlash. Diese Chemikalien haben keinen
wissenschaftlich bewiesenen medizinischen Wert oder Nutzen. Ihre
Wirkung besteht darin, daß sie jegliche Art problematischen oder störenden
Verhaltens, Stimmungslagen und Gefühle unterdrücken. Diese Gifte,
insbesondere Neuroleptika wie Haldol, Modicate, Chlorpromazin, wirken sich
so hemmend, mächtig und furchterregend aus, daß viele
Psychiatrie-Überlebende und andere Kritiker sie als chemische Lobotomie oder
chemische Zwangsjacke bezeichnen. Diese Medikamente haben viele
ernste und schädigende Effekte, Nebenwirkungen genannt, um zu verniedlichen,
wie sie sich tatsächlich äußern, sei es in Zittern, unkontrollierbaren
Schüttelbewegungen oder Bewegung der Hände oder anderer Körperteile (wie sie
auch bei neurologischen Störungen wie Parkinsonismus oder tardiver
Dyskinesie vorkommen), starke Muskelkrämpfe, verschwommenes Sehen, rastloses
Hin- und Hergehen, Alpträume, plötzliche Wutanfälle, Aufgeregtheit,
Gedächtnisverlust, Schwächeanfälle, Blutbildveränderungen, Schlaganfälle und
plötzlicher Tod. Diese sogenannten Nebenwirkungen sind die
erwünschten Wirkungen der Medikamente. Diese Furcht vor
psychiatrischen Medikamenten wird noch verschlimmert durch Ignoranz und
Unsicherheit, da die Psychiater und andere Ärzte ihrer Pflicht nicht
nachkommen, die Patienten über die schrecklichen Medikamentenwirkungen zu
informieren.
Ohne die Anwendung oder Androhung von Gewalt könnte
Faschismus nicht existieren. Machiavelli, Mussolini und Hitler wußten
das. Alle Diktatoren, Möchtegern-Diktatoren und Tyrannen sind sich
dieser grundlegenden Tatsache bewußt. Dasselbe gilt für die
Psychiatrie. Ohne die Anwendung und Androhung von Gewalt könnte die
Institution Psychiatrie nicht überleben. Eine Menge von Psychiatern
stünden ohne Job da. Ich wünschte, dies würde geschehen! Die
Psychiatrie erhält ihre Autorität und Macht zum Zwang, zur Gefangenhaltung,
zu unfreiwilliger Verpflichtung und Zwangsbehandlung vom Staat.
Die
Gesetzgebung der Psychiatrie gibt den Psychiatern und anderen Ärzten die
Macht, jede Person zwangseinzuweisen, von der sei "glauben", nach einer
Untersuchung, die nur wenige Minuten dauert, daß sie gefährlich für sich
selbst oder für andere sein könnte. Das ist problematisch. Der
Mental Health Act geht fälschlich davon aus, daß Ärzte gefährliches und
gewalttätiges Verhalten vorhersehen können. Das können sie natürlich nicht.
Wir legen Wert darauf, noch einmal hervorzuheben, daß der Mental
Health Act von Ontario, wie andere mental health acts in ganz Kanada und den
U.S.A, die Anwendung von Gewalt zum Zwecke der Festnahme oder Gefangennahme
von Menschen für Tage, Wochen oder Monate rechtlich sanktioniert.
Unglücklicherweise gab es nie einen öffentlichen Aufschrei oder Protest
angesichts der Tatsache, daß Leute, von denen man annimmt oder denen
unterstellt wird, sie seien verrückt oder gefährlich, die aber keinerlei
Gesetzeswidrigkeit begangen haben, daß solche Leute trotz allem eingesperrt
werden dürfen, ohne eine Gerichtsverhandlung und ohne die Rechte, die sogar
Mördern und Vergewaltigern zugestanden werden. Das ist
Präventiv-Arrest, etwas, was in Kanada und in anderen sogenannten
demokratischen Staaten illegal ist. Allerdings ist es legal und gängige
Praxis in allen Polizeistaaten und totalitären Ländern. Ich wüßte
nicht, daß es je ein gerichtliches Widerspruchsverfahren gegen unfreiwillige
Verpflichtung gegeben hätte, was als Präventiv-Arrest
verfassungswidrig ist.
In den psychiatrischen Anstalten
faschistischer Staaten ist die Zwangsbehandlung die Regel, nicht die
Ausnahme. Erzwungene Behandlung und quälende, mörderische
Medikamentenversuche, Tausenden von Juden, Sintis, politischen Gefangenen,
Frauen und Kindern aufgezwungen, wurden während des 2. Weltkriegs in den
Todeslagern überall in Nazi-Deutschland durchgeführt. Es gibt jetzt
den unwiderlegbaren, dokumentierten Nachweis, daß es die deutschen
Psychiater waren, insbesondere prominente Psychiatrie-Professoren und Leiter
von Psychiatrie-Fakultäten, die hauptverantwortlich waren für die Einleitung
und Durchführung des T4 Programms, für den Massenmord von über 200.000
Psychiatriepatienten und Tausenden von kranken und behinderten Kindern und
Erwachsenen während des Holocaust. Die Begriffe Euthanasie und
Gnadentod als Umschreibung des mörderischen Programms ist ein grausiger
Euphemismus.
Vieles der biologischen Psychiatrie, die in weiten
Teilen auf unbewiesenen Annahmen über die biologischen und genetischen
Ursachen der Schizophrenie und anderer geistiger Störungen basiert, kann auf
den in Nazi-Deutschland tätigen, rassistischen und Eugenik-begeisterten
Psychiater Ernst Rudin zurückgeführt werden. Dieser propagierte den Mythos,
daß Schizophrenie eine erbliche Krankheit sei. Er wird, zusammen mit
Hunderten anderer Psychiater des T4-Programms des Massenmords an
Psychiatriepatienten, immer noch in einigen Artikeln in psychiatrischen
Fachjournalen zitiert, wie der Forscher und Aktivist Lenny Lapon in seinem
brillianten Buch Mass Murderers in White Coats: Psychiatric Genocide in
Nazi Germany [Massenmörder in weißen Kitteln: psychiatrischer Genozid in
Nazi-Deutschland] nachweist. Er stellt fest, daß verschiedene
deutsche Psychiater der Nazi-Ära in die U.S.A. und nach Kanada emigriert
sind, und daß es ihnen gelungen ist, viele seiner Kollegen mit seinen
biologischen, genetischen und rassistischen Theorien der geistigen Krankheit
zu indoktrinieren. Heinz Layman, der im Jahr 1937 nach Kanada
emigrierte, ist hauptverantwortlich für die Einführung von Thorazin oder
Chlorpromazin, und er propagierte die Anwendung von Psychopharmaka in
Kanada.
Wir haben heute eine Epidemie von Gehirnschäden, die durch
Psychopharmaka verursacht sind, zum Teil dank Layman und all den anderen
Ärzten, die er unterrichtete. In einem Zeitschriftenartikel von 1954
gab Layman zu, daß Thorazin ein "pharmakologischer Ersatz für die Lobotomie"
sei. Trotz dem öffentlichen Eingeständnis dieser alarmierenden
Tatsache sah Layman keinen Hinderungsgrund, es auch weiterhin bei vielen
"schizophrenen" Patienten im Douglas Hospital in Montreal anzuwenden.
Layman hat auch Ewen Cameron dazu gebracht, Chlorpromazin und viele andere
Psychopharmaka und massive Anwendungen von Elektroschocks zu verabreichen.
Chlorpromazin, zur damaligen Zeit als experimentelle Droge angesehen,
wurde während Cameron's infamen Gehirnwäsche-Experimenten am Allan Memorial
Institute in den 1950ern und 1960ern in großem Stil an viele Patienten
verabreicht.
Es gab damals keine informierte Einwilligung, genau wie
es heute keine gibt. Während der Nazi-Jahre suchten die Ärzte keine
Einwilligung. Gemäß der Nazi-Ideologie handelte es sich um "nutzlose
Esser", "Untermenschen". Das ist eine Denkweise, die noch immer die
biologische Psychiatrie überall in Nordamerika beherrscht. Ein
anderes Erbe der Psychiatrie von Nazi-Deutschland ist die weitverbreitete
Akzeptanz und Rechtfertigung von entwürdigenden Maßnahmen, um den Willen von
unwilligen oder rebellischen Patienten zu brechen. Körperliche oder
mechanische Fesseln wie z.B. Gurte, Seile, Gürtel, Handschellen und
Einzelarrest werden in psychiatrischen Anstalten nicht zum Zweck der
Behandlung oder des Schutzes eingesetzt, sondern um Leute für unangepaßtes
oder rebellisches Verhalten zu bestrafen. Es ist diese nackte
Demonstration von Gewalt und Bedrohung, die das Klinikpersonal gegen
Patienten anwendet, die so sehr an die grausame Brutalität des deutschen
Psychiatrie-Personals während des Holocaust erinnert.
Irreführung: Ein sehr zutreffendes Zitat von Leonard Roy
Frank, Autor von Influencing Minds [Manipulation des Denkens]: "Die
Psychiatrie benutzt die Mystifikation [irrationales Interpretieren von
Erscheinungen], wenn Gefahr besteht, daß ihre wahren Gründe herauskommen."
Viele der Etiketten und Diagnosen, die von Psychiatern benutzt
werden, haben keinen Bezug zu realen psychiatrischen Problemen oder zu
tatsächlich vorhandenen Krankheiten. Der Psychiatrie-Professor Thomas
Szasz hat die Irreführung und den Mythos von der Existenz geistiger
Krankheiten in vielen Büchern offengelegt, zuerst in seinem Klassiker The
Myth of Mental Illness [Der Mythos der Geisteskrankheit]. Diese
Wahrheitsverfälschung ist eine der größten wissenschaftlichen Skandale
unseres Wissenschaftszeitalters. Es gibt eine Geheimsprache, die
heutzutage in der biologischen Psychiatrie verwendet wird. So helfen z.B.
Anti-Depressiva den Leuten nicht dabei, Depressionen zu überwinden
oder an die Ursache der Depression zu gelangen. Die Bezeichnung
"Ruheraum" ist ein hinterhältiger Code für Einzelarrest. Das Wort
"Medikament" ist ebenso ein irreführender Euphemismus und eine unrichtige
Bezeichnung für giftige Substanzen, denen viele von uns ausgesetzt
wurden.
Ich habe versucht zu zeigen, daß die institutionelle
Zwangspsychiatrie eine faschistische Geschichte hat, und daß die biologische
Psychiatrie, wie sie heute in psychiatrischen Anstalten in Kanada und den
U.S.A. praktiziert wird, noch immer auf Angst, Gewalt und Irreführung
basiert. Die Psychiatrie verdient nicht die Unterstützung durch die
Gesellschaft oder den Staat. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß die
Psychiatrie abgeschafft wird. Wir müssen weiterhin daran arbeiten,
Selbsthilfegruppen zu gründen, mehr Beratungsstellen und mehr
erschwingliche, unterstützende Unterkünfte in unseren Kommunen. Wir
müssen unsere eigenen Alternativen zu dem monströsen und unheilvollen Mental
Health-System schaffen. Indem wir das tun, werden wir unsere Kraft
und unsere Rechte zurückerlangen. Das ist unsere Arbeit, unsere
Herausforderung und unsere Hoffnung.
Copyright 2001 by
Don Weitz - used by permission
DER
AUTOR Don Weitz ist ein Psychiatrie-Überlebender und antipsychiatrischer
Aktivist, er engagiert sich seit 24 Jahren im Psychiatric Survivor
Liberation Mouvement. Außerdem ist er Co-Editor von "Shrink Resistant: The
Struggle Against Psychiatry in Canada" (1988), Host-Producer des
Antipsychiatrie-Programms "Shrinkrap" auf CKLN Radio (88.1 FM) in Toronto,
Mitglied der People Against Coercive Treatment (P.A.C.T.), und Mitglied der
Ontario Coalition Against Poverty (OCAP).
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